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                                                                                                                                                    Landmannalaugar, Blick zur Háalda
   Zu Fuß durch das südliche Hochland   -   Auf dem Laugavegur                                                     Mehr Bilder vom » Laugavegur 98


28. Juli '98          Busfahrt nach Landmannalaugar
 
Der Wecker piept früh, in aller Eile wird gepackt. Wir wollen den kostenlosen 7 Uhr Bus zum BSI nehmen. (Gibt es inzw. nicht mehr.) In der Wartehalle des Busterminals der Überlandbusse ist noch reichlich Zeit für Müsli und um den Rucksack nochmals ordentlich zu packen.

Abfahrt 9:30 Uhr, im Bus wird es voll. Der Busfahrer räumt den Reservereifen aus dem Gepäckfach um zwei weiteren Rucksäcken Platz zu machen. Wir verlassen Reykjavík durch triste Wohnsiedlungen. Hinter der Stadt führt die Straße Nr. 1 durch weite, mit Moos überzogene Lavafelder der Mosfellsheiđ und Hellisheiđi. Bald künden Dampffahnen von reichlich geothermischer Energie. Steil bergab führt die Ringstraße dann hinunter in das südliche Tiefland zur Treibhausstadt Hveragerđi, wo dank der Energie aus dem Boden Blumen und Gemüse unter Glas wachsen. Tiefe Wolken hängen über der von Landwirtschaft geprägten Ebene. Weite Wiesen sind übersät mit weißen Heukugeln. Nach Süden verliert sich die Welt im Nebel. Schemenhafte Höfe, scheinbar am Ende der Welt. Hier und da zweigen Straßen ab ins Nichts. Straßenschilder zeigen die Lage der Höfe wie Sternenkarten.

Bevor wir in das Hochland abbiegen noch der Stop an der Tankstelle von Hella. Gelegenheit für das obligatorische Hot Dog mit dem besonderen Schaf(vermuten wir einfach mal)geschmack und ein Softeis. Landmannalaugar ist eines der beliebtesten Ausflugsziele, es gibt weitere Fahrgäste. Die Plätze reichen nicht, aber sowas nimmt der Isländer grundsätzlich gelassen. Im Gang werden schlicht Bistrostühle aufgestellt. Hinter ausgedehnten Koppeln, auf denen Islandpferde weiden, erhebt sich die Hekla, einer der aktivsten Vulkane Islands, mit Schneefeldern bedeckt. Auf den Gipfel trägt sie, wie beinahe immer, eine Wolke. Kaum ein Stück weit auf der Holchlandpiste vorangekommen, wird unsere Fahrt jäh gestoppt: ein Reifen ist zerfetzt. Der Reservereifen? Ach ja ... Aber so verkehrt ist ein 2 ½ stündiger Fotostop am Fuße der Hekla nicht, denn so lange dauert es, bis der Ersatzreifen eintrifft. Es blinzelt auch schon die Sonne durch.

Panne
Reifenpanne auf der F26 am Fuß der Hekla - wie gut wenn man Bistrostühle dabei hat.

Weiter geht die Fahrt, vorbei an den grauen und schwarzen, z.T. auch hellen Aschefeldern der Hekla. Je weiter man sich dem Naturschutzgebiet Fjallabak nähert, desdo interessanter wird die Landschaft. Wiesen und Bäche - grüne Moose erklettern die Berghänge. An einem kleinen Paß oberhalb des Sees Frostastaðavatn hat man einen ersten Blick auf die farbigen Rhyolithberge von Landmannalaugar.

Reges Treiben herrscht am großen Campingplatz bei der Hütte. Der Campingplatz liegt am Fuße einer schwarzen Lavazunge, der Laugahraun, inmitten kahler Bergflanken von eigentümlich heller Farbe. Mit einiger Verspätung eingetroffen, das Zelt auf dem leidlich bequemen Boden aufgebaut, machen wir uns auch gleich wieder auf zu einer Nachmittagswanderung.

Es lockt der Gipfel des Bláhnúkur (Blaukuppe), einem inmitten der hellen Berge auffällig dunklen, teilweise sogar türkisfarbenen Berg. Zügig steigt der Pfad die 360 Höhenmeter bis zum Gipfel an. Doch der Aufstieg wird von einer fantastischen Rundumsicht belohnt. Auf den Campingplatz in dieser bizzaren Umgebung, den Lavastrom an dessem Fuße die bunten Zelte leuchten, die grüne Oase bei den heißen Quellen daneben, und die faszinierende Kulisse der Rhyolithberge. Bis zu den gigantischen Eismassen des Vatnajökull können wir sehen. Einer der Warden von der Hütte beschreibt uns die Richtung der 4 tägigen Wanderung in die grünen Schluchten der Þorsmörk (die Wälder des Thor), auf die wir uns morgen begeben wollen. Eine praktisch vegetationslose Landschaft in der giftgrüne Moose an den Berghängen leuchten und vierlerorts der weiße Dampf heißer Quellen aufsteigt. Wir belassen es nicht dabei, das Wetter ist recht schön geworden. So gehen wir auf der anderen Seite den Berg hinunter, zur Quelle der markanten Lavazunge an der Brennisteinsalda (Rauchender Schwefelrücken) dem farbenprächtigsten Berg von Landmannalaugar. Was uns im ersten Moment an eine schwelende Müllhalde auf Korsika erinnert, entpuppt sich als bunt zersetzter, dampfender Boden.

Campingplatz
Der Campingplatz bei Landmannalaugar

Der Nachmittag ist inzwischen fortgeschritten, und so schließen wir den Kreis. Ein 30 minütiger Spaziergang durch das Laugahraun führt uns zurück zum Campingplatz. Es fallen sofort die riesigen glatten, schwarzen Steine ins Auge, die in der Sonne glänzen: Obsidian, vulkanisches Glas.

Als wir die Kante der Lavazunge erreichen, sind wir geradezu erschlagen von dem fröhlichen Treiben, das vom Campingplatz heraufklingt. Dass es gegen elf schon leicht dämmrig wird, hält die italienische Gruppe nicht davon ab, ihren Fußballzweikampf fortzuführen. Das engagierte Publikum erinnert an das Olympiastadion beim Lokalderby. Doch wirklich gestört fühlt sich wohl keiner. Sitzen doch die restlichen Besucher fast ausnahmslos bis spät in die Nacht bei einem Bad in der heißen Quelle. Dem "Bad der Männer aus Land" (Land war ein alter Bezirk Islands), daher der Name Landmannalaugar (laugar= warme Quelle/Bad). Ein Naturbad direkt am Fuß der schwarzen Lavazunge. Früher das Bad der Schafstreiber beim herbstlichen Schafabtrieb. Ein Zufluchtsort in dem sonst eher gefürchteten Hochland. Heute, direkt am Campingplatz gelegen, dient es den inzwischen recht zahlreichen Touristen zum entspannenden Bad in gewaltiger Naturkulisse. In der Tat bedeutet es stundenlanges Warten, denn bis weit nach Mitternacht ist "die Wanne voll". Das "Bad" ist ein kalter Bach, in den eine ca 75 Grad heiße Quelle einfließt. Je nach gefallenem Niederschlag/Schneeschmelze ist die Badestelle von Jahr zu Jahr allerdings unterschiedlich temperiert. In manchem Jahr kämpft man dicht gedrängt um die besten Plätze an der heißen Quelle, dieses Jahr ist das ganze Becken bis hin zur Umkleideplattform angenehm bis unerträglich heiß. Man kann sogar ein ganzes Stück den lauschig warmen Bach entlangschwimmen. Das Wasser ist glasklar, zwischen den Steinen am Grund entweichen kleine Luftbläschen.


29. Juli '98          Landmannalaugar - Hrafntinnusker
 
Nochmal früh aus dem Schlafsack kriechen. Doch heute lohnt es sich wirklich. Jetzt wollen WIR uns das Badevergnügen gönnen. So teilen wir die quasi natürliche Wellnes-Oase nur mit wenigen anderen Frühaufstehern, und genießen die Ruhe, während die Fußballhelden noch friedlich in ihren Zelten schnarchen. Entspannt treiben wir eine Weile in dem herrlich warmen Wasser. Eine wunderbare Motivation für die 4 duschfreien Wandertage die vor uns liegen.

Bevor wir unser Gepäck endgültig satteln gehen wir zur FÍ-Hütte, wie uns gestern bei der Ankunft nahegelegt wurde. Das Mädchen, das da gerade den Besen schwingt, nimmt unsere großartige Botschaft, daß wir nun Richtung Ţorsmörk aufbrechen wollen, mit wenig Gemütsregung auf. Es kann losgehen. Bei der Hütte die Kante der Laugahraun hochgekraucht, denke ich gleich: erstens haben wir sowieso zuviel Zeugs dabei, und zweitens haben wir es auch noch besch... gepackt.

Die Obsidianbrocken funkeln in vereinzelten Sonnenstrahlen als wir das Lavafeld überqueren. Schon der kleine Anstieg am Hang der bunt leuchtenden Brennisteinsalda kommt uns irgendwie mühsam vor. Oben angekommen werden wir dafür von zwei anderen Touristen interessiert beäugt und befragt. Und heimlich von hinten fotografiert! Jaja, echte Abenteurer trifft man ja auch nicht alle Tage... Sonst begegnen wir lange Zeit erstmal niemandem mehr. Der mit Pflöcken markierte Pfad führt nun durch eine sanfthügelige Rhyolithlandschaft, durchzogen von Tälern aus denen Dampffahnen emporsteigen. Immer wieder zieht fauliger Schwefelgeruch an der Nase vorbei. Mit 11 km ist die erste Etappe die kürzeste. Es sind knapp 530 Höhenmeter zu überwinden. Bald erreichen wir ein weites Plateau. Stein, nichts als Stein. Wolken senken sich langsam auf die umliegenden Berge. Wir freuen uns, nach den Beschreibungen sind hier oft große Altschneeflächen zu queren. Doch jetzt ist der Schnee weit zurückgegangen. Erreicht man dann Stórihver (große, heiße Quelle), hat man bereits die halbe Strecke geschafft. Steil geht es einige Meter rutschigen Hang hinunter zu einem kleinen Bachlauf. Aus der schmalen Schlucht dampft’s heraus. Aus einer runden Öffnung schießt heißes Wasser hervor. Der Ort hat wirklich "infernalischen Charakter". Jetzt steigt der Weg stetig an. Wieder ist ein ausgedehntes Plateau zu queren und dann auch größeres Altschneefeld. Der aufgeweichte Schnee macht das Gehen auch nicht angenehmer. Die Wolken haben sich weiter gesenkt, und sind beinhahe tiefschwarz. Wird wohl demnächst regnen.

Sprung zurück zu einem Gespräch mit Inken am Mittagstisch in der Kantine:
Ich träume schon von unserer bevorstehenden Trekkingtour über diese Hochebenen. Und wie gut es ist, dass es in Island keine Sommergewitter gibt. Weil Gewitter in freiester Natur behagen mir wenig.
Zurück auf den Weg zum Pass am Hrafntinnusker:
Ich kämpfe gegen mein Gepäck, es ist wirklich schlecht gepackt - fluchend. Anfängerfehler! Da kracht es über uns plötzlich gewaltig. Ein Donnerschlag. Schlagartig weckt das meine Energiereserven. Schnell zur Hütte, so weit kann die nicht mehr sein. Was zwei Entgegenkommende, getrieben vom Gedanken an die heißen Quellen, bestätigen. Es blieb bei dem einen Blitz. Bald erreichen wir doch schon nach 4 ˝ Stunden den Paß zwischen den Gipfeln des Söđull und des Hrafntinnusker, den höchsten Punkt der Wanderung mit 1110 m. Nun setzt allerdings der Regen ein. Auf den letzten Metern werden wir noch völlig durchnässt.

Der kleine Vorraum der Hütte ist mollig warm geheizt. Ich sinke auf einem kleinen Hocker nieder. Da öffnet sich auch schon die Tür zur Küche, und ein Warden fragt ein wenig muffig "Can I help you?" Auf unsere vorsichtige Anfrage ob wir in der Hütte denn übernachten könnten, ernten wir nur "No, it’s full. Do you have a tent?" Ja, das haben wir dann wohl. Doch ich bleibe noch eine Weile wie angewurzelt sitzen und warte auf leise Zeichen wiederkehrender Lebensgeister. Die Aussicht auf Zeltaufbau bei Regen und Kälte reißt einen ja auch wirklich nicht gerade vom Hocker. Der "Campingplatz" ist eine sandige Fläche unterhalb der Hütte, schwarz, übersät mit glänzenden Obsidiansplittern und -brocken. Aufgerichtete Steinmauern lassen ahnen, daß der Wind hier manchmal sakrisch pfeifen muß. An das beste Plätzchen hat sich noch niemand rangetraut. Wir sind da nicht so zimperlich und beziehen eine rundum geschütze Burg. Langsam läßt auch der Regen nach. Mit einem heißen Süppchen kehren die Lebensgeister endgültig zurück.
Wir halten ein Schwätzchen über die Mauer mit Nachbarin Mayke, allein unterwegs. Und bei weitem cleverer, denn sie hat ihr Gepäck um alles für die Tour Unnötige erleichtert, und mit dem Bus nach Skógar an die Südküste schicken lassen, dem geplanten Endziel ihrer Tour.
Die einzige sanitäre Anlage des Platzes ist ein Toblerone-Plumpshäuschen, das auch im dichtesten Nebel leicht zu finden ist. Es stinkt meterweit. Am Abend haben sich 12 Zelte an dem lauschigen Plätzchen eingefunden. Und man weiß nicht, sind es die heißen Quellen in der Nähe, oder die Kocher, die so laut rauschen.


30. Juli '98          Hrafntinnusker - Álftavatn
 
Die Schultern zwicken noch, doch der Regen hat aufgehört. Die Wolkendecke hat sich gehoben, und gibt am morgen den Blick frei auf die weite Senke, durch die unser Weg heute die ersten beiden Stunden führen wird.

Die Anstrengung von gestern noch in lebhafter Erinnerung, verzichten wir auf den Abstecher zu den nahegelegenen heißen Quellen, einer Eishöhle oder die Besteigung eines Gipfels. Diesmal schlauer gepackt trägt sich’s schon bei weitem leichter. Die 2. Etappe, wieder 11 km, wird gern als weniger anstrengend beschrieben. So wird auch von 1070 m auf 540 m abgestiegen. Beim Durchqueren der Senke unterhalb der Hütte muß man aber in zahlreiche Furchen der Bachläufe hinabsteigen, und wieder herauskrabbeln. Die Altschneefelder sind hier zu kleinen Flecken zusammengeschrumpft. Wieder steigt hier und da Dampf aus den Furchen.


Doch Vorsicht auf den Schneeflecken da sie einen Bach überdecken könnten. Manchmal sind die Schneebrücken nur noch 20 cm dick. Hätten Julica und Patrick, die mein Unterfangen aus einer anderen Perspektive betrachteten, mich nicht gewarnt, hätte ich vielleicht sehr plötzlich 1 ˝ m tiefer im Wasser gesessen. Hat man nach einem kleinen Anstieg den südlichen Rand der Senke erreicht, ist es eine gute Gelegenheit für eine kleine Verschnaufpause. Und man hat einen guten Blick über die Senke und die umliegenden Berge. Winzigklein ist noch die FÍ-Hütte am anderen Ende zu erkennen. Ziemlich düster wirkt die Szenerie.

Dann senkt sich die Wolkendecke auf uns, Nieselregen setzt ein. Der Weg führt nun stetig bergab. Mehrmals überqueren wir Bäche in denen kleine heiße Quellen sprudeln und blubbern. Wieder ein Schneefeld. Links und rechts, direkt am Weg, erinnern metertiefe Löcher daran Acht zu geben. Dann ist ein steiler, schmieriger Hang zu überwinden, stehenbleiben unmöglich. Von oben bietet sich bald ein schöner Blick auf einen Wasserfall der Jökulgil. Nun ist es nicht mehr weit bis zur Plateaukante.


Hier ändert sich abrupt das Landschaftsbild. Hinter uns liegen die farbenfrohen Rhyolithberge, unter uns eine dunkle Basaltlandschaft. Als wir die Abbruchkante erreichen sind allerdings nur Wolken zu sehen. Doch sie heben sich, und geben Minute für Minute mehr von der so völlig anderen Landschaft frei. Moosbewachsene, steile Palagonitrücken ragen aus einer Ebene in der der Álftavatn (Schwanensee) liegt, unser heutiges Ziel. Mag übertrieben klingen, aber für mich wirkt die Landschaft wie verzaubert. Wenn es wirklich Elfen gibt, dann denke ich, müssten sie in diesen spitzen Hügeln wohnen. Wir lassen also die Rhyolithberge hinter uns, im Zickzack geht es den Steilhang Jökultungur hinunter. Am Fuß des Hanges müssen wir einen kleinen Bach durchwaten, dann führt der Weg beinahe eben durch sanfte, grasbewachsene Hügel bis die Piste Syđri Fjallabaksvegur und bald darauf, nach 6 h, die FÌ-Hütte am See erreicht ist. Nahe dem See finden wir ein schönes Plätzchen auf weichem Wiesengrund für unser Zelt.
Hausarbeit


31. Juli '98          Álftavatn - Emstrua
 
Blauer Himmel - Sonnenschein!
Nach dem Frühstück ein Spaziergang zum See. Kein Lüftchen regt sich, die Wasseroberfläche liegt wie ein Spiegel vor uns.
Dann Start zur Wüstenetappe. Kaum 50 m gelaufen, muss bereits der Rucksack wieder abgesattelt, die Wanderschuhe ausgezogen, und der erste kleine Bach gefurtet werden. Dieses umständliche Vergnügen steht heute gleich mehrmals an. Über einen Ausläufer des Brattháls, ein langgestreckter Palagonitrücken am südlichen Seeufer, führt der Pfad, bis die wadentiefe Bratthákvísl den Weg versperrt. Wieder müssen die Wanderschuhe gelüftet werden. Es empfiehlt sich sehr Trekkingsandalen als Watschuhe mitzunehmen. Das Wasser ist entsprechend kalt, der Untergrund aus kantigen Steinen tut sein übriges damit die Füße schmerzen. Ab Knietiefe ist das Gleichgewicht barfuß auch kaum mehr zu halten. Aus dem kleinen Tal steigt der Weg nun auf einen Ausläufer des Vegalíđ und kreuzt dann die Piste.

Nun laufen wir auf das gewaltige weiße Eisschild des Mýrdalsjökull zu, dann hinunter in die Hvanngil (Engelwurzschlucht). Hier steht eine Hütte des Wandervereins der Gemeinde Hella. Für den Campingplatz wurden extra in Hella gezogene Rasenmatten zwischen Lavaschollen der Hvanagilshraun ausgelegt. Über dieses Lavafeld geht's zur Kaldaklofskvísl. Von weitem schon leuchtet das gelbe Warnschild für die Autofahrer an der Furt. Für Wanderer ist der Gletscherfluss durch eine Fußgängerbrücke "entschärft".

Merkwürdiges geht vor, als wir uns der Brücke nähern: schöne Menschen mit kleinen Rucksäckchen wackeln auf den Lavaschollen geduldig auf und ab, während ein Mann mit Kamera gestresst zu der von einer Wolke verdeckten Sonne hinaufblickt: ein Fotoshooting für Outdoorbekleidung. Es gibt nichts was es nicht gibt.

Auf der Jeeppiste geht es nun weiter, die sich bald darauf gabelt. Richtung Südwesten (Emstrur) heißt es gleich wieder Wanderschuh aus, Watschuhe an, und Hosen ordentlich hochgekrempelt. Die Bláfjallakvísl ist knapp knietief, einige Meter breit, und sakrisch kalt. Auf halben Weg tun die Füß schon g'scheit jammern, also hurtig zum andern Ufer. Wie’s schön kribbelt, wenn das Blut sich wieder runtertraut. Erfrischung für die Füße, die man sich auf den folgenden 13 km wieder heißlaufen wird.

Vor uns eine staubige Piste die schnurgerade in eine schwarze Sandwüste führt. Die Wanderstöcke erweisen sich auch hier als sehr hilfreich um in dem trägen Sand in Schwung zu kommen. In dieser weiten Ebene sieht man, dass man hier nicht ganz allein unterwegs ist. Linker Hand leuchtet die gewaltige Eiskappe des Mýrdalsjökull. Die kleinen Blumenpolster in der steinigen, lebensfeindlichen Wüste versetzten uns immer wieder in Erstaunen.

Hat man den reißenden Gletscherfluss Innri-Emstruá mit Hilfe einer weiteren Brücke überquert, verlassen die Pflöcke die Piste in Richtung Südwesten. Von dem Schwefelgestank, herrührend von heißen Quellen unter dem Gletscher, den die Innri-Emstruá manchmal mitführen soll, ist nichts zu bemerken. Die Pflöcke führen jetzt über Sandhügel zwischen kleinen Palagonitrücken hindurch. Im tiefen Sand macht das Gehen mürbe. Leichter Wind zieht Sandfahnen hinter jedem Tritt. Einen Sturm möchte ich hier nicht erleben, wenn Sandteufel über die Ebene toben.

Pause! Während wir uns noch an den Wasserflaschen laben, zieht strammen Schrittes die "Familie" vorbei. Unterwegs mit ihrem zwölfjährigen Sohn, geben sie immer gut Tempo. Eigentlich gibt es nur wenige Mitwanderer, die uns nicht irgendwann einholen. Aber schon am Mittag? Wenn man bedenkt, dass unsere flotte Familie morgens immer noch die kleinen Extratouren von 1 - 2 Stunden zum Warmlaufen unternimmt! Aber bloß keinen Frust aufkommen lassen. Wir sind eben Genießer.

Wüste, nichts als Wüste. Man denkt, wirklich, hinter diesem sanften Hügel, da müsste man doch endlich die Hütte sehen! Man sieht keine Hütte. Man sieht noch mehr Wüste. Und Wüste ...


Doch, da ist sie, die Kante, von der sich der Blick auf die Schluchtenwelt des Markarfljót bietet, im Südosten das weiße Eisschild des Mýrdalsjökull, im Südwesten leuchtet der Eyjafallajökull.
Nach knapp 7 Stunden erreichen wir die FÍ-Hütten bei Botnar. Begrüßt durch den redseeligen Hüttenwart, blicken wir hinter der Hütte entzückt in eine kleine Schlucht. 3 Zelte stehen auf zwei schmalen Wiesenstreifen am Ufer eines mit Engelwurz gesäumten Bachlaufs. Die Familie backt gerade Fladenbrot. Vor dem roten Zelt liegen Julica, Patrick und Mayke in der Sonne. Wir hatten sie am Álftavatn vermisst. Sie waren weiter zur Hvanngil gelaufen. Oh, wie schön! Schnell die Hütte aufgebaut, die Isomatte in den Garten gelegt. Und wie wir uns da niederlassen wollen, ist die Sonne längst weg, es wird schweinekalt, und die geselligen Nachbarn sind in ihren Zelten verschwunden. Wer zu spät kommt, den ...


01. August '98          Emstrua - Ţorsmörk
 
Endspurt. Nach 2 km führt ein steiler Hang hinunter zu einem Canyon durch den die Fremri-Emstruá donnert. Als wir da vorsichtig den Abhang ruter rutschen, kommt von rechts eine kleine Schafherde dahergetappt. Im Gänsemarsch, wie es sich für ordentliche Schafe gehört. Ein kritischer Blick, als sie uns da oben auftauchen sehen. Eindeutig, sie wägen ab, ob sie uns treffen werden, wenn sich unsere Wege kreuzen. Offenbar wenig scharf auf die Begegnung mit Touristen, verfällt der Trupp in flotten Trab.


Der schmale Canyon wird mit Hilfe von Seilen und kleinen Brücken überquert. Jetzt sind wir dem Entujökull, einer Gletscherzunge des Mýrdalsjökull, nahe gekommen, aber der Pfad schwenkt davon weg nach Westen. Die Gletscherzunge im Rücken, blicken wir nach einem kleinen Anstieg in die Schluchtenwelt des Markarfljót (Waldfluss). Gerade oben angekommen, kommt uns ein Wandersmann entgegen. In Gummistiefeln! Warum investiert unsereins 300 DM in Wanderschuhe? Ich denke meine Füße werden es zu schätzen wissen. Auf den nächsten Kilometern geht es nahe entlang dem Lauf des Markarfljót. Langsam nimmt nun die Vegetation zu.

Im Auf und Ab sind einige Nebenschluchten des Markarfljót zu queren. In der Slyppogil und der Bjórgil finden sich idyllische, windgeschützte Plätzchen, die zu einer Mittagspause einladen. Erstere ist allerdings schon überfüllt, und uns zieht es inzwischen Richtung Endziel. Wartet schließlich das größte Abenteuer, das Furten der Ţröngá, noch auf uns. Jetzt kommt die Ţorsmörk-Region in Sicht, am Fuß der gigantischen Gletscher Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull gelegen. Auf der Westseite des Markarfljót ist der Einhyrningur (Einhorn) stetiger Wegbegleiter. Aber mal ehrlich, die Silhouette erinnert weniger an ein Einhorn, als an einen Piranha mit weit aufgerissenem Maul. Die ersten Büsche tauchen auf. Isländischer Wald! ("Wenn Du Dich in Islands Wald verirrst, dann steh auf!") Stetig geht es sanft bergab. Über eine kleine Brücke wird die Ljósá überquert. Die Felsschlucht des kleinen Flusses ist so schmal, dass die von ein paar Birken beihnahe völlig zugewachsen ist. Der Weg zieht sich nun schon eine Weile. Mit wenig Begeisterung blicke ich auf den Hügelrücken über den wir nun noch müssen.

Trinkpause. Die "Familie" zieht an uns vorbei. Plötzlich hab ich es furchtbar eilig. Ich will unbedingt sehen, wie der "reißende Gletscherfluss" (so steht’s im Buche) zu furten ist. Der liegt mir als "krönender" Abschluss nämlich schon die ganze Zeit im Magen. Ein rechter Abenteurer bin ich nicht gerade, ich geb’s zu. Als wir auf der anderen Seite des Hügels hinunterkommen, stehen Vater und Sohn bereits am anderen Ufer der Ţröngá (Enger Fluss), die Mutter noch ein Seilende in der Hand. Wir erkundigen uns neugierig. Ja, gar nicht so einfach. Der Fluss ist nur einige wenige Meter breit. Eine undurchsichtige, braune Gletscherbrühe rauscht vor uns vorbei. Wir gehen gern auf den Vorschlag ein, dass Rainer nun das Seilende übernimmt, und wir uns noch an dem Seil herüberhangeln können. Gesagt getan. Sie ist ein ganzes Stück größer als ich. Wirkt sehr sportlich und durchtrainiert, wir konnten das ja die letzten Tage beobachten. Und sie kämpft sich wankend durch die Fluten.

Ţröngá
Furten der Ţröngá - nicht ganz die richtige Methode aber in jedem Fall abenteuerlich
Oh weh, denk ich so bei mir. Die Kamera, wasserdicht verpackt, landet auf Rainers Rucksack, Hose runter, Wanderschuhe an den Rucksack geknüpft. So steige ich todesmutig in die Fluten. Oh ja, das zieht ganz schön. Das Wasser reicht gut über’s Knie. Wie komme ich jetzt um den kniehohen Stein herum, der unsichtbar vor meinen Füßen liegt? Mit allen Kräften gegen die starke Strömung kämpfend, taste ich mich um den Fels herum. Ohhhh, bloß das Gleichgewicht halten, nicht den Rucksack fluten .... ohhh, hoffentlich halten die Mannen das Seil gut fest ... ahhh, endlich geschafft.
Puh! Vor lauter Konzentration merkt man’s gar nicht, wie a...kalt das Gletscherwasser ist. Dafür merk ich jetzt umso deutlicher, wie das Leben zurück in meine Füße kehrt.
Rainer hat kein Seil mehr als Stütze, kämpft sich mit Hilfe der Stöcke hinüber. Mit Sicherheit die bessere Methode. Leider hatten wir aber nur ein Paar Stöcke dabei. Wie blöd, ich hab ja jetzt gar keine Kamera. Saublöd! Die Mutter, Kirsten heißt sie erfahren wir, hat von mir ein Bild gemacht und uns zugeschickt. Ich freue mich sehr über dieses Erinnerungsfoto!

Gut, kein Rucksack wurde geflutet und jetzt ist’s auch nicht mehr weit bis in die grünen Schluchten der Ţorsmörk. Auf der anderen Seite des Kiesbetts verschwindet der Weg im Wald. Ja, in einem richtigen Wald! Den Hamraskgóar (Wälder am steilen Felsen). Wir schreiten einen Hang hinauf, zwischen Birken, duftenden Blumen, und man höre und staune: Vogelgezwitscher! Bald taucht der Wegweiser zu den Campingplätzen auf und sorgt für Verwirrung. Den Weg zum Campingplatz der Busgesellschaft finden wir nicht, aber auf der Suche entdecken wir dafür den Platz unter uns liegen. Quadratisch und steril, wenig einladend. Also gehen wir nach Süden hinunter zum Platz bei der FÍ-Hütte im Langidalur. Der Pfad führt uns steil durch den Birkenwald hinunter, und wir erreichen freudestrahlend nach 6 ½ Stunden unser Ziel.

Bekannte Gesichter entdecken wir erstmal nicht und suchen uns ein nettes Plätzchen. Der Campingplatz zieht sich über einen mit Birkenbüschen durchzogenen Grashang. Schön haben wir’s hier, mit Blick auf die grünen, zerklüfteten Schluchten und den darüber thronenden Gletscher. Über der Landschaft hängt ein zarter Regenschleier. Schade, so entgeht uns das Schauspiel Wochenende. Die Isländer fahren dann sehr gern hierher, und es steigt die Party, so liest man immer. Wo doch auch gerade übermorgen, am Montag, der Bankfeiertag ist, wichtigster Feiertag gleich nach dem Nationalfeiertag. Da feiern die Isländer besonders exzessiv. So soll es hier auch eine im Sommer besetzte Polizeistation geben, da bei isländischen Feten der Alkohol meist in Strömen fließt, und mit dem Alkoholpegel auch der Mut, die Krossá zu furten stetig steigt. Beim isländischen Gelädewagenpark können einem dann auch die Augen übergehen. Vom Lada über das kuriose Designermodell, bis zum Monstertruck mit riesigen Ballonreifen. Auf dem Dach schwingen 2 m Funkantenne. Doch jetzt ist alles ruhig. Wir haben ein ganz anderes Problem, unser Benzinvorrat ist unerwartet schnell geschrumpft. Und inzwischen versiegt. Benzin gibt’s hier nicht zu kaufen, doch paarmal am Tag hat ein kleiner Shop in der Nähe der Hütte am Krossá-Ufer für kurze Zeit geöffnet. Wir erstehen zu entsprechend stolzem Preis gutes, heimatliches Vollkornbrot im Plastikschälchen, eine kleine Dose Streichwurst, und zwei Mini-Tetra Milch für’s Müsli morgen früh. Wie wir da unser kostbares Mahl Richtung Zelt tragen, kommen uns zwei Isländer vom Grill entgegen. Auf deren Tellern häufen sich dampfend Steaks und Berge von Kartoffeln. Unsere Blicke bleiben an den Tellern haften, doch so schnell wie diese Fata Morgana vor uns auftauchte, ist sie auch schon in der geheizten Hütte verschwunden. Dort fließt der Wein bereits geraume Zeit bei Kerzenschein. Wir beschließen ebenfalls dem Luxus zu fröhnen, kaufen uns für knapp 5 DM eine warme Dusche. Nummerziehen ist hier angesagt. Verdient haben wir’s uns inzwischen, finden wir. Schlaf, Schlaf, Schlaf, auch den haben wir uns verdient. Nur tun wir uns schwer damit, da der Wind die ganze Nacht lautstark am Zelt rüttelt.


02. August '98          Ţorsmörk - Reykjavík
 
Das Wetter hat sich nicht gebessert, es tröpfelt leise vor sich hin. Noch 2 weitere Tage, über den Paß zwischen den beiden Gletschern, an die Küste weiterzuwandern, haben wir sowieso gestrichen. Erstens, da wir kein Benzin mehr haben, zweitens weil wir doch schon eher ausgelaugt sind, und letztendlich wäre es bei dem Wetter ganz und gar nicht angeraten. Ich hätte gern noch einen Tag hier verbracht, wäre nur das Wetter nicht gar so trist und ungemütlich. Denn bei Sonnenschein ist das hier eine herrliche Gegend. Man kann z.B. in kleinen zauberhaften Schluchten wandern, die vom Tal abgehen. Doch müssten bis dahin einige kleine Flußläufe gefurtet werden. Nein, dazu können wir uns nicht aufraffen.
Wir überqueren die Krossá an der Fußgängerbrücke, und schauen den Geländewagen beim Durchfahren der zahlreichen kleinen Flüsse zu. So unscheinbar diese Flüsse aussehen, sie scheinen so einfach nicht zu Durchfahren sein. Die Geländewagen schaukeln heftig und versinken tief. Die Krossá furten heute nur die hochgelegte Hochlandbusse mit nach oben abgeschrägtem Heck, begeistert erwartet von zahlreichen Hobbyfotografen. Hier am Ufer treffen wir auch auf die Familie. Sie hoffen auf besseres Wetter und wollen morgen an die Küste weiterwandern. Wir werden den 15 Uhr Bus des Wandervereins nach Reykjavik nehmen. Hey, da steht ja auch Patrick bei den Duschen an. Wieder unter den Lebenden. Er hat 16 Stunden am Stück geschlafen. Die Beiden wollen auch noch zur Ringstraße heute. Beim Warten auf den Bus erfahren wir, dass nicht nur wir so blöd sind, diverse Bücher durch’s Hochland zu schleppen. Wie beruhigend!

Hoppla, unser Bus kapituliert vor der Krossá. Ein blaues Ungetüm bringt uns in mehreren Akten durch den Fluss. Wie praktisch für die Fotografen. Dann rumpelt uns der Bus durch die Flüsse, stößt schon mal hart mit dem Heck ins Kiesbett. Mein Rucksack liegt ganz unten. Kleiner Fotostopp an dem kleinen Eissee des Gígjökull. Der Busfahrer kontrolliert mit Wischmopp bewaffnet den Gepäckraum. Alles trocken geblieben.
Krossá
Bei der Servicestation Hvolsvöllur heißt es erstmal Abschied nehemen. Julica und Patrick haben bereits die Buspässe für die Ringstraße. Wir werden sie, wie sich später herrausstellt, nochmal am Mývatn treffen, und einen sehr netten letzten Urlaubsabend in Reykjavík verbringen.
Wir fahren zurück in die Hauptstadt, zur Rundum-Regeneration. Die beginnen wir bei einem abendlichen "Luxusmahl" im Pizza Hut. Oh, und gleich morgen früh ist Schwimmbad angesagt, heiße Pötte...

Dann werden auch wir Island mit dem Hringmiði Buspaß auf der Ringstraße umrunden. Einen spontanen » Geländewagenausflug an den Nordrand des Vatnajökull unternehmen, und noch einen Kurztrip auf die Westmänner Inseln machen.
» Fotoalbum Laugavegur '98
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